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Wochenrückblick KW 12 – News aus der deutschen Bildungslandschaft

In dieser Woche überraschte der Studienaufbau einer 18monatigen Testphase im Primarbereich. Eine Wende ist in der Diskussion Abitur nach acht oder neun Jahren zu erkennen. Zwei Studien fragen nach der Zufriedenheit der Studierenden. Weiterbildung und berufsbegleitende Studienprogramme liegen nach wie vor im Trend. Doch wie reagieren deutsche Hochschulen auf die zunehmende Tendenz der virtuellen Wissensvermittlung? Gefragt wurde auch, unter welchen Umständen Studieninteressierte von einem Fernstudium absehen sollten. Zu guter Letzt: Welche Folgen hat eigentlich die zunehmende Akademisierung der Gesundheitsberufe?

Gleichgewichtssinn und schulische Leistungen korrelieren

studie-gleichgewicht-schulische-leistungenVermutet hat man ja schon immer, dass Kinder mit einem gut ausgebildeten Gleichgewichtssinn im Lesen, Schreiben und Rechnen Vorteile haben. Jetzt hat eine Langzeitstudie im Auftrag des hessischen Kultusministeriums auch den wissenschaftlichen Beleg erbracht. Seit 2007 wurden 8500 Schüler zwischen 5 und 19 Jahren auf ihren Seh-, Hör- und Gleichgewichtssinn getestet. Ein Großteil der Probanden, die in den Balancetests schlecht abschnitten, haben auch schlechtere Leistungen in Deutsch, Mathe und Sport erbracht als Studienteilnehmer, die ein unauffälliges Sinnesbild aufwiesen. In einer zweiten Studienphase interessierte, ob gezieltes Gleichgewichtstraining die Schulleistungen in den Grundfächern verbessern könne. 18 Monate lang absolvierte eine Testgruppe ein tägliches 15minütiges Training während des Unterrichtes. Zum Einsatz kamen zum Beispiel ein Trampolin aber auch die Spielekonsole Nintendo Wii. Im Vergleich zur Kontrollgruppe, schnitten die Schüler der Testgruppe im Verfahren zur Gleichgewichtsbestimmung und auch im Test der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenz besser ab.

Quo vadis, Turbo-Abi?

Niedersachsen ist das erste Bundesland, in dem es wieder durchgehend möglich sein soll, in neun Jahren das Abitur an Gymnasien zu absolvieren. Schon ab dem Schuljahr 2015/16 gelte für Schüler der Klassenstufen fünf bis acht ein neues G9-Modell. Leistungsstärkeren Schülern werde allerdings nach wie vor die Option eingeräumt, das Abitur in acht Jahren abzulegen. Kultusministerin Heiligenstadt führt an, dass Stress, Leistungsdruck und Zeitmangel auf Seiten der Schüler zur Rolle rückwärts in der Bildungspolitik geführt hätten. Eltern, Gewerkschaftsvertreter und Bildungsexperten begrüßten den Schritt. Erlaubt sei die Frage, ob G8 nicht an einem eingeschränkten und gewachsenen Bildungsverständnis westdeutscher bürgerlicher Schichten gescheitert sei? Dass ein Abitur nach 8 Jahren möglich sei, zeigen die Schüler aus den östlichen Bundesländern schon seit Jahren.

Zufriedenheit der Studierenden steigt, aber…

DZHW_LogoWer wissen will, wie es um das deutsche Hochschulsystem steht, sollte das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung fragen. In einer jährlichen bundesweiten Befragung wurden im Zeitraum 2009 bis 2012 Studierende um eine Einschätzung der deutschen Hochschullandschaft gebeten. Folgende Trends hat Sara Mohn von yaez daraus abgeleitet:

  • Die Studierenden sind mit der Erreichbarkeit der Dozenten und der inhaltlichen Ausrichtung ihrer Studienpläne zufrieden.
  • Die Ausstattung der Hochschulen wurde im Verlauf der Befragung zunehmend besser bewertet; wie auch das Angebot an Beratungsmöglichkeiten.
  • Verbesserungspotential sehen die Studierenden allerdings im Zugang zu Fachliteratur.
  • Der Anteil derjenigen, die sich eine ausführlichere Rückmeldung zum persönlichen Leistungsstand wünschen, wächst.
  • Oft wurde bemängelt, dass die einzelnen Veranstaltungen inhaltlich zu wenig aufeinander aufbauen würden.
  • Bei der Umstellung der deutschen Hochschullandschaft auf das Bachelor-Master-System haben viele Kritiker darauf hingewiesen, dass sie eine Einschränkung der persönlichen Gestaltungsfreiheit im Studienablauf befürchten. Die Untersuchung zeigt, dass ein Großteil der Studierenden bei der Durchführung des Studiums mehr Selbstbestimmung wünscht.
  • Auch die vom Bologna-Prozess erhoffte Verkürzung der Studiendauer lässt sich im Untersuchungszeitraum noch nicht feststellen.
  • Duales Studium: Herausfordernd aber lohnenswert(?)

    studie-zufriedenheitDennis Prumbaum vom Studienportal duales Studium fragt, wie duale Studenten Belastung und Arbeitsaufwand einschätzen. Von den 547 Befragten gaben über 30% an, dass der Arbeitsaufwand in den Praxisphasen hoch eingeschätzt wird. Deutlicher ist eine Tendenz zu Überlastung in den Theoriephasen zu erkennen. Hier gaben über drei Viertel der Befragten an, dass der Arbeitsaufwand als hoch bzw. sehr hoch eingeschätzt wird. Über 60% der Befragten bringen neben Arbeit und Studium noch bis zu 10 Stunden wöchentliche Lernzeit auf. Mit der Betreuung an Hochschulen und beim Unternehmen ist ein überwiegender Anteil der Studierenden zufrieden. Dennis Prumbaum ist sicher, dass Praxiserfahrungen und finanzielle Aspekte den hohen Aufwand der Studierenden rechtfertigen. Dabei habe man schon im vergangenen Jahr festgestellt, dass die Bezahlung dual Studierender eben kein sorgenfreies Studium garantiere.

    Fernstudium boomt…

    Über 100.000 Fernstudenten soll es in Deutschland geben, die Tendenz ist klar steigend. Die Aussicht, Beruf und Weiterqualifizierung zu vereinbaren, lockt viele Arbeitnehmer an den abendlichen Schreibtisch. Christian Müller stellt 11 Punkte vor, die jeder Studieninteressent vor Aufnahme des Studiums prüfen sollte, um den Studienerfolg sicher zu stellen. Diese macht er an folgenden Aspekten fest:

    trifft dieser Aspekt zu, könnte sich das Fernstudium als Fehler erweisen
    Lernverhalten
    • unstrukturierte Arbeitsweise
    • sozialer, akustischer oder frageentwickelnder Lerntyp
      Motivation
      • extrinsische höher als intrinsische
      • falsche Zielsetzung
      Umfeld
      • fehlender Rückhalt
      • fehlende technische Voraussetzungen

      fernstudium-infos-gegenredeMarkus Jung antwortete in einem Videokommentar und zeigt auf, wie durch einen Perspektivwechsel die von Christian angeführten limitierenden Aspekte zu schaffbaren Herausforderungen werden: Hervorzuheben ist z.B. der Einwurf, Selbstmanagement nicht als Voraussetzung, sondern als Lernziel der Weiterbildung zu sehen.

      …deutsche Hochschulen haben beim Thema „Virtuelles Lernen“ das Nachsehen

      Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und kommentiert in der „Welt“ den weltweiten Erfolg virtueller Lernräume. Das Internet hat viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gravierend verändert. Während an den deutschen Hochschulen über volle Hörsäle, zu wenige Seminarplätze und ein ungünstiges Betreuungsverhältnis gejammert wird, kann man international beobachten, wie Bildungshungrige sogenannte MOOC (Massiv Open Online Courses) orts- und zeitunabhängig abrufen. Akademisches Wissen werde nicht mehr durch Hören und Lesen sondern durch Schauen und Klicken erworben. Wenn deutsche Hochschulen hier nicht den Anschluss verlieren wollen, muss ein Wandel in der deutschen Bildungslandschaft einsetzen: Online-Veranstaltungen müssen in das Lehrdeputat eingerechnet werden. Vorlesungen, Lehrvideos, Foren, Übungsaufgaben, Literatur und Quellen müssen so gestaltet sein, dass sie online abrufbar sind.

      Was sonst noch passierte?

      Immer mehr Pflegeberufe (Hebamme, Ergotherapie, Krankenpflege) werden akademisiert. Mit der Möglichkeit des Bachelor und Master-Abschlusses schaffe man zwar den Anschluss an das europäische Ausbildungsniveau. Allerdings steht dem persönlichen Aufwand der Absolventen bislang keine finanzielle oder arbeitsweltliche Besserstellung entgegen. Für wen soll sich das Ganze dann eigentlich lohnen?

      Fotos: Rainer Sturm / pixelio.de, S. Hofschlaeger / pixelio.de