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Ein Studienabbruch ist nicht das Ende

Der Nachwuchsmangel im deutschen Handwerk ist alarmierend hoch. Neben Risiken öffnen sich hier aber auch Chancen für Schulabgänger, die eigentlich einen ganz anderen Weg in den Berufseinstieg geplant haben – Studienabbrecher. Innovative Ausbildungsmodelle sollen das Handwerk für die Unzufriedenen attraktiver machen.

Der Anteil der Studienabbrecher ist z. B. in NRW gerade unter den Studienanfängern sehr hoch. Bildungsministerin Svenja Schulze hat daher am Donnerstag verkündet, dass in der geplanten Neufassung des Hochschulgesetzes auch ein Maßnahmenpaket unter dem Titel „Erfolgreich studieren“ integriert sei. Die „Verschwendung von Talenten, Zeit und Ressourcen“ könne man sich nicht länger leisten, so die Ministerin. Als Negativbeispiel führte sie Zahlen der Ingenieurswissenschaften an: Gerade einmal zwei Prozent der Studienanfänger würden das Studium erfolgreich beenden. Wer in den ersten beiden Semestern merkt, dass er sich in der Studienwahl geirrt hat, dass er sich schwer in die Arbeitsweise des Studiums einfinden kann oder dass er einfach keine Freude für das akademische Bildungssystem empfindet, hat in aller Regel gute Chancen einen Schlussstrich zu ziehen und einen Neustart zu wagen. Ob sich der Betroffene dabei für einen anderen Studiengang oder ein Ausbildung entscheidet, hängt da nur von den eigenen Präferenzen ab. Schwieriger gestaltet es sich jedoch meist für Studierende, die sich durch das Studium geschleppt haben, kurz vorm Abschluss stehen und den Gedanken an die eigene Unzufriedenheit verdrängt haben. Der Leidensdruck wird mit der Zeit immer größer, ebenso wie die Angst davor den eigenen Lebensplan zu zerstören.

Scheitern als Chance sehen

Psychologen stehen der Kultur des Erfolgs in Deutschland schon lange mißtrauisch gegenüber, denn ein Scheitern ist gesellschaftlich nicht vorgesehen. Die Erwartungshaltung von Familie, Freunden und Umfeld an den Studierenden ist eindeutig – ein Studienabbruch ist für viele ein Grund zur Scham. Doch kann man die Situation auch aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Wer die Entscheidung trifft, das Studium ohne Abschluss zu beenden, beweist auch Mut und zeigt, dass er Fehler erkennt und analysieren kann. Wer bereit ist, unkonventionelle Wege zu bestreiten, geht aus der Situation gestärkt hervor.

Nur so kann Neues entstehen! In den USA ist man da schon um einiges weiter. Nach den Werdegängen der erfolgreichen Studienabbrecher Steve Jobs und Bill Gates förderte die Thiel Foundation 2011 die unternehmerischen Ideen von Studienabbrechern mit jeweils 100.000$. Auch in Deutschland setzt langsam ein Umdenken ein. Gleichwohl ist man hier noch weit davon entfernt, Ideen und Visionen eines Studienabbrechers ernst zu nehmen und gegebenenfalls zu fördern. Aber im Kleinen lassen sich Fortschritte erkennen.

Der Einstieg in das Handwerk ist kein Abstieg

Immer mehr Interessenvertreter wie die IHK Nord Westfalen werben mit Projekten und gezielten Hilfsangeboten um Studienzweifler und zeigen ihnen einen Weg aus der Misere. Mit Berufsberatung, Praxistests, Bewerbungsunterlagendurchsicht und konkreten Vermittlungsangeboten wollen Handwerkskammern dem drohenden Arbeitskräftemangel entgegenwirken. Erstes Ziel der meisten Initiativen ist es nicht, das Führungsproblem im Handwerk zu lösen. Auch wenn die Studienabbrecher beste Voraussetzungen mitbringen in ihrem neuen Arbeitsfeld Führungsverantwortung zu übernehmen, ist das nur ein positiver Nebeneffekt.

Die zweite Chance sinnvoll nutzen

Studienabbrecher sind stresserprobt, haben Fremdsprachenkenntnisse und bringen Kompetenzen in Reflektion und Präsentation ihrer Leistung mit. Für die Handwerkskammer Würzburg sind das gute Gründe, den Studienabbrechern im Ausbildungsgang entgegen zu kommen und so gezielt Führungskräfte für den Mittelstand auszubilden. So steigen die Teilnehmer des „Karriereprogramms Handwerk“ in das zweite Ausbildungsjahr ein und können in der Berufsschule Religion, Deutsch, Englisch und Sport abwählen. Stattdessen erhalten Sie in der gewonnen Zeit zusätzlichen Fachunterricht, um Inhalte des ersten Ausbildungsjahres nachzuholen. Des Weiteren können Teile der Meisterprüfung abgelegt werden und in Fortbildungen betriebswirtschaftliche Kenntnisse erarbeitet werden. Das Programm wird in Unterstützung mit der Uni Würzburg durchgeführt. Diese sieht es auch als Angebot an Studenten, die eine Prüfung endgültig nicht bestanden haben.

Modell soll jetzt bundesweit eingeführt werden

Bundesbildungsministerin Wanka nimmt sich nun der Sache an und will spezielle Ausbildungsprogramme installieren, damit die 30% der Studienanfänger, die ihren ursprünglichen Karriereweg nicht beenden, schneller Anschluss finden an die Ausbildungsmöglichkeiten. Dafür sollen abgelegte Studienleistungen besser im Ausbildungsgang anerkannt werden, wodurch die Ausbildungszeit verkürzt werden könne.